Hessen
Warum Lateinamerika für gehörlose Weltreisende so ein gutes Reiseziel ist
Von Marcel Ruge
Veröffentlicht 27. September 2026

Der Weltreisende Tobias Hölle ist taub. Seit einem Jahr ist der Kasseler unterwegs. Dabei entdeckt er nicht nur faszinierende Länder, sondern auch große Unterschiede im Umgang mit Gehörlosen. Ein Land hat ihn besonders beeindruckt.
Der Weltreisende Tobias Hölle ist taub. Seit einem Jahr ist der Kasseler unterwegs. Dabei entdeckt er nicht nur faszinierende Länder, sondern auch große Unterschiede im Umgang mit Gehörlosen. Ein Land hat ihn besonders beeindruckt.
Beim Tauchen vor den Küsten Balis gibt es keine Unterschiede zwischen Hörenden und Gehörlosen. "Wenn ich unter Wasser bin, dann bin ich mit den anderen gleichgestellt", sagt Tobias Hölle. "Unter Wasser kann sich keiner unterhalten." Seit rund einem Jahr ist Tobias Hölle unterwegs. Der Tauchkurs vor der indonesischen Insel Bali ist nur eine Episode.
Seine Weltreise hat den 29-Jährigen aus Kassel schon durch über 20 Länder geführt: Japan, Argentinien, Ecuador, Simbabwe, Tansania. In Guatemala ist er auf einen Vulkan gestiegen, an den Victoria Falls hat er im "Devil's Pool" gebadet. Viele Instagram-Videos von Tobias Hölle sind ohne Ton Das Rauschen der Wassermassen hat Tobias Hölle dabei ebenso wenig gehört wie den Donner des "Fuego", wenn er Aschewolken spuckt. Hölle ist seit der Geburt gehörlos.
Zu sehen sind seine Reisestationen auf seinem Instagram-Kanal . Viele Videos sind ohne Ton. Der 29-Jährige reist alleine um die Welt, er will noch ein halbes Jahr unterwegs sein und mit seiner Reise auch für mehr Verständnis für die Belange von Gehörlosen werben. Zuhause in Kassel arbeitet er unter anderem als Moderator für das funk-Format "Hand Drauf" - ein Online-Angebot von ARD und ZDF.
Dort berichtet er über Themen aus der Gehörlosen-Community . Als sein Fernweh immer größer wurde, ist Hölle auf Weltreise gegangen. Dafür hat er lange gespart. Was ihn beim Reisen vor allem bewegt, sind die Begegnungen mit Menschen, die neuen Eindrücke, der andere Blick auf die Heimat.
"Nachdem ich viel gereist bin, sehe ich jetzt, wie bequem es zu Hause ist", erzählt er per Videokonferenz im Gespräch mit der hessenschau, das von einer Gebärdendolmetscherin übersetzt wird. Je temperamentvoller die Sprache ist, desto besser Dennoch erlebt er die Welt anders als Menschen, die hören können. Und er erlebt, wie unterschiedlich die Bedingungen für Gehörlose in den Ländern sind. "Es gibt Länder, wo die Kommunikation relativ einfach ist, und Länder, wo es schwieriger ist", sagt Hölle.
In Lateinamerika werde zum Beispiel viel Körpersprache benutzt, da sei es für ihn definitiv leichter: "Wenn die Menschen viel mit Körpersprache reden, die Hände benutzen, temperamentvoller sind, dann ist es einfacher auch für mich, sie zu verstehen." Gebärdensprache Laut Deutschem Gehörlosen-Bund verfügen Gebärdensprachen über ein umfassendes Vokabular und eine eigenständige Grammatik. Sie sind damit eigenständige Sprachen und ebenso komplex. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist seit 2002 in Deutschland als vollwertige Sprache anerkannt. Auch in anderen Ländern gibt es eigene Gebärdensprachen mit eigenen Regeln und sogar Dialekten.
Trotzdem ist auch Verständigung auf internationaler Ebene möglich. Dafür werden sogenannte "International Signs" genutzt, dazu zählen bildhafte und leicht verständliche Gesten. Was Brasilien vorbildlich macht Besonders überrascht war der 29-Jährige von Brasilien. Überall gebe es dort Gebärdensprachdolmetscher, würden Museen auf Technik für mehr Barrierefreiheit setzen, würden Veranstaltungen live übersetzt.
"Das fand ich schon sehr erstaunlich." Diskriminierung habe er in keinem Land erfahren. Aber dennoch sei es nicht überall einfach gewesen, als alleinreisender Gehörloser Anschluss zu finden. Hörende trauen sich oft nicht, nachzufragen Unterhaltungen würden viel Kraft kosten, teilt Tobias Hölle in einem Video bei Instagram mit. Immer wieder müsse er erklären, dass er taub sei (Hölle bevorzugt für sich die Bezeichnung "Taub") und Kommunikation am besten schriftlich über das Smartphone funktioniere.
"Manchmal fühle ich mich wie ein Polizist. Ich frage die ganze Zeit Fragen: 'Wo kommst du her? Wie war deine Reise?' Aber die Menschen fragen nicht zurück." Er vermisse die Neugier der anderen Menschen. Smartphones helfen bei der Kommunikation Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen ohne Gebärdensprache ist für beide Seiten herausfordernd.
Doch sie kann gelingen. Der Deutsche Schwerhörigenbund hat eine Broschüre mit Tipps für schwerhörige und gut hörende Menschen im Umgang miteinander herausgegeben. Darin heißt es unter anderem als Tipp für Hörende, dass man das Gesagte mit Gesten, Mimik und Körpersprache unterstützen soll. Auch Sprache-zu-Text-Anwendungen auf Smartphones können eine Hilfe sein.
Hölle will Gehörlose sichtbarer machen Die Weltreise von Tobias Hölle ist deshalb auch ein bisschen eine Mission, um das Thema Gehörlosigkeit buchstäblich mehr in die Welt hinauszutragen. "Es gab ganz viele Menschen, denen ich begegnet bin, die zum ersten Mal einen Gehörlosen gesehen haben." Mit seiner Präsenz auch in Sozialen Medien will er für mehr Sichtbarkeit sorgen. "Man darf Gehörlose nicht einfach vergessen." Er fordert mehr Angebote etwa in Museen, und mehr Chancen für Gehörlose, um sich zu präsentieren. Sein Ziel: mehr Verständigung und Verständnis.
Und irgendwann vielleicht auch mehr Nachfragen von Hörenden an einen Gehörlosen auf Weltreise – der genauso viel zu berichten hat, wie alle anderen.